Nachdem die Enthüllungsplattform Wikileaks im Zuge ihres eigenen Datenlecks nun selbst die gesamten Botschaftsdepeschen veröffentlicht hat, könnte dieser Schritt für einige Iraner von öffentlicher Bekanntheit unangenehme Wirkungen nach sich ziehen. Diese sollen nämlich laut den sogenannten Cables mit dem US-amerikanischen Iran Regional Presence Office (IRPO) in Kontakt gestanden haben. Dazu gehören unter anderen auch die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und der ehemalige iranische Parlamentarier Morris Motamed.
Das IRPO ist eine Einrichtung innerhalb der US-Botschaft in Dubai, die 2006 vom US State Department eingerichtet wurde um durch Personenkontakt mit sich in Dubai aufhaltenden Iranern die „politische, soziale und wirtschaftliche Lage des Irans zu erfassen“, so das State Department:
The Iran regional presence office (IRPO) has a mandate to broadly assess the political, social, and economic situation in Iran and to foster person-to-person interaction with Iranians through educational and cultural exchanges.
Der (offizielle) Grund für die Erschaffung einer Informantenstelle innerhalb der Botschaft liegt vor allem im bisherigen Scheitern US-amerikanischer Spionagetätigkeit. Die NYT-Autoren Landler und Mazzetti schreiben, dass sich US-Beobachter aufgrund fehlender Vertretungen im Iran auf genau die gleichen Mittel wie jeder Durchschnittsbürger zurückgreifen müssten: Youtube und Facebook.
Laut Jim Krane, einem ehemaligen Reporter der Associated Press, ist Dubai die Spionage-Hochburg des Mittleren Ostens und spielt eine bedeutende Rolle für die US-Informationsgewinnung bezüglich Irans und der Region. Die Dringlichkeit dieser Ortschaft geht so weit, dass das CIA intervenieren musste um das State Department davon abzuhalten ihr Konsulat in Dubai-City zu schließen.
Krane beschreibt in seiner Monografie City of Gold, wie Bewerber „beobachtet, befragt und gelegentlich dafür rekrutiert ihre eigene Regierung auszuspionieren“. Dabei werden Visa- und Immigrationsbescheide bewusst hinausgezögert um Bewerber zeitlich effizienter nutzen zu können. Folgendes Cable z.B. verdeutlicht die Erfassung der wirtschaftlichen Situation von iranischen Visaanwärtern durch das IRPO:
Iranian visa applicants in Dubai are generally from higher socioeconomic levels than average Iranians. Still, their economic situations vary significantly. Income, at the low end of the range, is roughly several hundred dollars/month for teachers, young employees, and retirees living on a pension. Mid-career professionals, small business owners, and professors typically earn up to a few thousand dollars per month. Doctors, especially medical specialists, and businessmen are at the upper end of the range, with monthly income potentially reaching into the tens of thousands of dollars.
Die Anwältin und Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die mittlerweile in Kanada lebt, soll laut einer weiteren Depesche zusammen mit ihrem Ehemann im Rahmen eines Immigrationsantrags näher befragt worden sein. Dort vermittelte man ihr ein Gespräch mit dem US-Botschafter und Offiziellen des IRPO:
On November 30, Ms. Shirin Ebadi and her husband, Javad Tavassolian (strictly protect), attended an immigrant visa interview at the US Embassy Abu Dhabi consular section. She had self-petitioned for the visa as an extraordinary ability alien, based primarily on her receipt of the 2003 Nobel Peace prize. After the conclusion of her interview, she was invited to meet with the Ambassador. The Ambassador arranged a meeting between Ebadi and IRPOffs.
Weiterhin wird der ehemalige parlamentarische Abgeordnete der jüdischen Minderheit, Morris Motamed, in einem Cable als „etablierter Kontakt der IRPO“ bezeichnet:
Motamed is a well-established IRPO contact who plays a unique role as a bridge between Iran’s vulnerable Jewish minority and the Shia Muslim political establishment.
Motameds Frau soll zum Zeitpunkt der Depesche kurz vor der Auswanderung gewesen sein und auch er selbst solle über das Wegziehen nachgedacht haben.
Auch diverse Bürgerrechtsaktivisten sollen laut Depeschen bei ihren Visaanträgen in Dubai befragt worden sein. Darunter der ehemals inhaftierte Historiker Hashem Aghajari und der Studentenaktivist Abdollah Momeni, der 2009 festgenommen und letzte Woche im Rahmen einer Amnestie zum Ramadanende freigelassen wurde.
©iranicum.com | asr
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