Seitdem das US-Justizministerium verlautbaren ließ, dass es zwei iranischstämmige Personen im Zusammenhang mit einem angeblichen Attentatsversuch auf den saudischen Botschafter zu Washington festgenommen hat (siehe Anklageschrift), reichen die darauf folgenden Reaktionen von Iran-Beobachtern eher von dezenter Skepsis bis zu offenem Unglauben gegenüber dem Wahrheitsgehalt der US-Vorwürfe gegen Iran. Zu groß sind die Unklarheiten der angeblichen Mordverschwörung.
Gary Sick von der New Yorker Columbia University fällt es beispielsweise schwer den bisherigen Informationen Glauben zu schenken, da die Iraner seiner Meinung nach niemals auf kriminelle, nicht-muslimische Organisationen setzen um solche Taten umzusetzen, ganz abgesehen davon, dass die Iraner bisher niemals versucht haben auf amerikanischem Grund ein Attentat oder ähnliches auszuführen.
Glenn Greenwald beklagt bei Salon.com die vorschnellen Entschlüsse und Darstellungen seitens einiger Medien, obwohl noch nicht mal 24 Stunden seit der Ankündigung vergangen waren. “Das wirklich gruselige an der Sache ist, dass die US -Regierung nur noch mit dem Finger zeigen und ‘Terrorismus’ sagen muss und schon erheben sich die Bürger und verlangen keine Beweise, sondern Rache“, so Greenwald.
“Wenn das wahr ist, ist Tehran unglaublich dumm” schreibt Tim Padgett im Time Magazine. Er könne sich nämlich nicht vorstellen, dass die Iraner so wenig Kentnisse über das angeblich anvisierte Drogenkartell Zeta gehabt haben können und die Absichten des US-Undercoveragenten hätte auffliegen müssen. Berufend auf den Kartellexpert Ioan Grillo, berichtet Padgett davon, dass die Zeta nicht nur keine Morde außerhalb ihrer Geschäftsinteressen tätigt, sondern dass auch die angeblichen 1,5 Millionen Dollar die hätten an die Zeta durch Arbabsiar gezahlt werden sollen, Peanuts wären im Vergleich zu den ca. 40 Milliarden US-Dollar, die die Zeta jährlich umsetzt. Ein zu hohes Risiko für so wenig Geld, so Padgett.
Der Politologe Stephen M. Walt von der Harvard University merkt an, dass es zwar mögliche nichtstaatliche Gewaltakteure („rogue elements“) innerhalb des Iran geben könne die zu solch einer Aktion in der Lage wären. Dies ist aber laut Walt von der Frage, ob der iranische Präsident oder das Staatsoberhaupt Ayatollah Khamenei darin verwickelt seien, gänzlich zu unterscheiden. Auch bemerkt er mit dem Hinweis auf die Miami Seven, dass die Grenze zwischen Aufdeckung und Ermuntigung zu einer Straftat recht schmal sein kann. So hatte sich im Falle der Miami Seven, die den Chicagoer Sears Tower im Visier hatten, herausgestellt, dass die US-Undercoveragenten maßgeblich zur Inspiration zu den Anschlägen beigetragen hätten. Dieser Sachverhalt wurde in einem Artikel kurz zuvor im Politmagazin Mother Jones publiziert, in dem die destruktive Rolle von in Terrorermittlungen involvierten V-Männern und Lockspitzeln des FBI einer Untersuchung unterzogen wird.
Max Fisher beschreibt in The Atlantic welche Nachteile ein Anschlag auf den saudischen Botschafter in zu Washington es für die Iraner bringen würde und fragt warum der Iran gerade jetzt und nicht in den Wirren nach 2011 bzw. des Irak-Kriegs einen Anschlag begangen habe.
Barbara Slavin zitiert bei IPS Kenneth Katzman vom Congress Research Service, der es unter anderem als wahrscheinlich sieht, dass Beschuldigter Arbabsiar durchaus alleine auf die Anschlagsidee gekommen sein könnte.
Im Christian Science Monitor führt Scott Peterson aus, warum viele Iran-Beobachter in dem angeblichen Attentatsversuch nicht die Präzision und Strategien der iranischen Eliteinheit wiedererkennen können. Vorallem die Frage warum Tehran mit dem Hauptverdächtigen Abrabsiar auf eine unerfahrene Person, die ungeschützt mit normalem Handy in den Iran anrief und unbedacht Geld in sechstelliger Höhe aus Tehran transferierte, gesetzt haben soll, scheint bisher unschlüssig.
Auch Volker Perthes von der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) beruft sich auf die sogenannten „rogue elements“, deren Natur aus seiner Sicht aber ebenfalls nur krimineller und nicht staatlicher Natur sind. Gegenüber dem DeutschlandRadio sagte er, dass er es für unwahrscheinlich halte, dass die iranische Regierung solch eine Aktion in den USA ausführen würde. Auch bezweifelt er die Ausführung des angeblichen Plans und bezeichnet ihn als „dilettantisch“ mit Blick auf die Tatsache, dass eine in den USA vorbestrafte Person und die mexikanischen Drogenmafia für iranische Verhältnisse untypische Partner seien.
Der ehemalige CIA-Analyst und Autor Robert Baer, gibt gegenüber des US-Senders ABC eine ähnliche Einschätzung ab. Er hält die Sicht der Iran wäre in solch eine Aktion involviert für „unglaubwürdig“ und nicht im Einklang mit dem gängigen Modus Operandi der Iraner. „Das entspricht denen [die Iraner] überhaupt nicht. Die können so etwas viel besser“, so Baer unter anderem.
Der US-Journalist und Politblogger Cyrus Safdari stellt die klassische Frage „Qui Bono? – Wem nützt es?“ und kommt zu keinem Ergebnis. Spöttisch fragt er nach dem Sinn einer solchen Aktion, die den Iran lediglich in eine diplomatische Misere stürzen würde. „Angenommen der Anschlag hätte geklappt. Und dann? [...] Wären dann Saudi Arabien und Israel von der Landkarte verschwunden?“, so Safdari in Anspielung auf die Wikileaks-Botschaftsdepeschen, die Berichte über eine verdeckte Zusammenarbeit der Saudis und Israelis zum Nachteil des Irans beinhalteten. Laut Safdari wird Tehrans neuestes Nuklearangebot durch die starken Anschuldigungen wohl das Nachsehen haben und zwangsläufig in den Hintergrund rücken.
Jasmin Ramsey stellt auf dem LobeLog acht Fragen bezüglich aus ihrer Sicht nach wie vor ungeklärten Umständen. Auch Ramsey wundert sich über den nicht erkennbaren Nutzen den die Iraner aus dem Fall ziehen sollen und macht darauf aufmerksam, dass gerade pro-israelische Falken sich den ersten Tag der Berichterstattung zu Nutze gemacht haben um z.B. Irans Zentralbank ins Visier von Sanktionen zu nehmen.
Sharmine Narwani, Journalistin und Senior Associate der britischen Universität Oxford, sieht in dem Fall einen Versuch Washingtons, die milliardenschweren US-saudischen Waffengeschäfte mit der iranischen Bedrohung sowohl rückwirkend als auch präventiv rechtfertigen zu wollen. Narwani vergleicht die Situation mit dem Filmklassiker „Wag the Dog“, in dem ein Hollywoodproduzent der Regierung hilft einen fiktiven Krieg zu erschaffen, um von einem Sexskandal des Präsidenten abzulenken.
(asr)
©iranicum.com
Foto: Reuters
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